WERDEN UND VERGEHEN

Teil 2 - SEI EIN QUEREINSTEIGER UND SUCHE DIR MITSTREITER

TIPP 1
„SEI EIN QUEREINSTEIGER UND SUCHE DIR MITSTREITER“

Ein kleiner, junger landwirtschaftlicher Betrieb schien mir als unser langfristiger Lieferant genau richtig. Da mich das Neue reizte und ich selbst etwas aufbauen wollte, entschied ich mich, in die noch junge GbR einzusteigen und daraus eine GmbH & Co. KG zu machen. Meine Mitstreiter waren jung, engagiert und brannten für das Thema. Daneben hatten wir einen erfahrenen Landwirt, der sozusagen das Tagesgeschäft (füttern, misten, Tiertransporte etc.) übernahm. (Eigentlich) Beste Voraussetzungen.

Nachdem ich aber in die Gesellschaft eingetreten war und wir im gleichen Atemzug umfirmierten, ging es los: Ich war Quereinsteiger und meine Mitstreiter waren es ebenso. Natürlich kann man da argumentieren: „Rulebreaker“, Branchenregeln auf den Kopf stellen, keine Scheuklappen etc. Aber: Das geht nicht, wenn die Motive deiner Mitgesellschafter andere sind als deine eigenen.

Mir ging es um eine Rückwärtsintegration für die bestehende Fleischerei und darum, dass wir uns nachhaltig den Rohstoff aus der Region sichern konnten. Durch meine persönliche Beteiligung hatte ich direkten Einfluss darauf und konnte die Wertschöpfungstiefe vorantreiben. Ein integriertes System aus Rohstofferstellung (Zucht und Mast), -verarbeitung und Vertrieb (Fleischerei). Das gab es so in Norddeutschland bislang nicht – die Herrmannsdorfer Landwerkstätten lassen grüßen.

Was aber trieb meine Mitgesellschafter an? Für den einen war es ein reines Hobby. Geld verdienen war nicht wichtig, es lockten die schönen Dinge, und Strukturen, Termine und Ähnliches waren ihm fremd und zuwider. Er wollte landwirtschaftliche Idylle und Romantik, wie es in den populär gewordenen Magazinen wie Landlust beschrieben und auf Landpartien vorgelebt wird. Dem anderen ging es um den äußeren Status (Auto, Visitenkarte etc.). Er definierte sich über Geld und materielle Dinge. Er sah die Landwirtschaft als Vehikel, um diese Bedürfnisse ausleben zu können. Die Landwirtschaft war für ihn nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck: vor anderen mit avantgardistischer, moderner, ökologischer Landwirtschaft glänzen.

Über diese unterschiedlichen Motive war ich mir nicht im Klaren, und so war ich blind für die ersten Anzeichen, dass das nicht lange gut gehen könnte.

TIPP 2
„WENN DU EINE IDEE HAST, LEG SOFORT LOS!“

Was war mit mir bis dahin passiert? Ich hatte eine Idee – man würde auch von einer Vision sprechen: ein Fleisch verarbeitender, handwerklicher Betrieb, der nicht nur Wurst und Schinken produziert, sondern vielmehr ein Lebensgefühl vermittelt und eine Heimat schafft. Eine klare Orientierung und eine wirkliche Alternative für den Verbraucher.

Wir waren anerkannter Premiumanbieter und hatten die Möglichkeit, uns stark zu positionieren und in der Folge daraus zu wachsen. Wir hatten mit den erfahrenen Mitarbeitern das Knowhow und mit modernen Betriebsmitteln die Ausstattung, einzigartige Produkte herzustellen. Ich sah aber auch die Gefahr, dass wir durch den Bezug von identischen Rohstoffen wie sie die Industrie bezog, beliebig zu werden. Höhere Preise könnten wir nicht mehr mit dem Verweis auf das Handwerk rechtfertigen.

Am Rande bemerkt: Daran sieht man, dass viele handwerkliche Fleischereien in genau diesem Dilemma stecken: Sie haben nicht erkannt, dass das Handwerk nur Mittel zum Zweck und nicht reiner Selbstzweck ist.

Das Bunte Bentheimer Schwein, so ahnte ich, würde Vorreiter und damit Sinnbild sein für eine langfristige Entwicklung der Lebensmittelbranche, und wir könnten uns ganz vorne an die Spitze des Zuges setzen.

Was mir fehlte, war die Geduld, das Thema zu entwickeln. Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen, die entscheidenden harten und weichen Faktoren zu prüfen. Ich hatte das Gefühl, mir würde die Zeit wegrennen und ich müsste schnell handeln. Zeitdruck, subjektiv empfunden oder objektiv vorhanden, ist aber ein schlechter Ratgeber.