Der Unternehmerclub Podcast

Was Sie in diesem Podcast erwartet

Unternehmensvision, Kultur, Zielarbeit, Führungskultur: Schlagworte, an denen kein Unternehmer vorbei sehen kann – aber sie trotzdem vielleicht nicht immer allzu wörtlich nehmen solltest. Das empfiehlt auf jeden Fall Boris Thomas. “Schöngeistige Unternehmensvisionen sind am Ende nichts als Blabla.” Und: “Wenn ein Ziel zu eng ist, kickt mich das Leben raus – und dann?” Der Unternehmer aus Bremervörde setzt sich im Gespräch mit Der Unternehmerclub offensiv damit auseinander, was Theorie bleibt und was tatsächlich in der Praxis realistisch ist.

Warum Unternehmensvisionen zum Leben passen müssen

Wenn man Boris Thomas mit dem Wort Nachhaltigkeit konfrontiert, spricht aus ihm die buchstäblich leidenschaftliche Abneigung. Bereits am Wording könne man erkennen, wann eine Imagebroschüre entstanden sei. Austauschbare Modebegriffe, die immer das gleiche Ziel verfolge würden: Die Vision eines Unternehmens in Worte zu pressen. “Im stillen Kämmerlein gedruckte Imagebroschüren mit vorgebeteten Überzeugungen reichen jedoch nicht, um eine Unternehmenskultur zu schaffen. Man muss die Menschen berühren – das erreicht man nicht mit blöden Postern an der Wand und schöngeistigen Unternehmensvisionen.”

Führungskräfte müssen vorleben, was kulturprägend sein soll

Thomas führt das Unternehmen Lattoflex. Fast 200 Mitarbeiter arbeiten in seinem Team daran, innovative Konzepte für eine besser Schlafqualität zu entwickeln und zu produzieren. “Führungskultur bedeutet für mich, festzulegen, wo sind wir, wo wollen wir hin.” Coaching unterstütze dieses, weil es immer wieder auf die Spur setze und hinterfrage. Deswegen müssen gute Führungskräfte in seinen Augen, sagt er, auch Coaches sein – “das erleichtert die Arbeit”. Denn: Führungskräfte müssen das vorleben, was kulturprägend sein soll.”

Boris Thomas

Geschäftsführer Thomas GmbH + Co. Sitz- und Liegemöbel KG

Unser Gesprächspartner

Im stillen Kämmerlein gedruckte Imagebroschüren mit vorgebeteten Überzeugungen reichen nicht, um eine Unternehmenskultur zu schaffen. Man muss die Menschen berühren – das erreicht man nicht mit blöden Postern an der Wand und schöngeistigen Unternehmensvisionen.

Zwischen Innovation und neuen Märkten und der Tradition zu den Wurzeln des Familienunternehmens in Bremervörde: Boris Thomas (Jahrgang 1964) steht in dritter Generation an der Spitze der Firma Lattoflex. Nach einer Tischlerlehre studierte Thomas Wirtschaftsingenieurwesen und stieg dann Anfang der 90er Jahre in das eigene Familienunternehmen ein. Unter seiner Leitung entwickelte sich Lattoflex zum Weltmarktführer für besseres Schlafen ohne Rückenschmerzen. Der Bremervörde stellt Mitarbeiter und innovative Lösungsansätze als Schlüsselressourcen in den Fokus des Familienunternehmens: “Produkte kommen und gehen, Lattoflex bleibt.”

Führung muss durch Taten erlebbar sein

Das Wort Führung schwebt über allem: “Für mich ist das Werteentwicklung durch faktisches Handeln. Führung muss erlebbar werden durch das, was du tust, sagst und machst – und weniger durch Poster aufhängen.” Geiht nich, gifft nich, ist die Vision, nach der bei Lattoflex gehandelt wird. “Wenn man eine Vision entwickelt, muss sie glaubwürdig kommuniziert werden können. Auch mal mit kräftiger Sprache.” Manchmal sei es einfacher zu sagen, “das ist echt Scheiße”, anstatt von einem “suboptimalen Verlauf” zu sprechen. “Vision ist etwas Gelebtes, aber es muss immer in klarer Sprache verfasst sein, um die Menschen zu berühren.” Selbst entwickeln und auch danach handeln, sei für ihn der wichtigste Punkt.

Den Mitarbeiter nicht vergessen

Es sei unverzichtbare, seine Mitarbeiter darin einzubeziehen – in einem klar definierten Rahmen und nicht á la ‘Komm, wir setzen uns zusammen und sehen, was passiert’. In dem Bremervörder Unternehmen äußert sich das beispielsweise in der jährlichen Strategieplanung. Die notwendigen Mitarbeiter und ein ruhiger Ort außerhalb des eigenen Betriebes seien dafür unverzichtbar. “Ich würde auch immer raten, das mit einer Übernachtung zu machen. Raus aus dem Alltag, du brauchst diesen Musterbruch.” Hirnforscher, erklärt Thomas, haben diesen Effekt mittlerweile belegt. Erst wenn eine Nacht dazwischen ist, hat das Gehirn Zeit, sich zu setzen und das Überlegte zu rekapitulieren. “Und dann steht man manchmal am nächsten Morgen unter der Dusche und sagt, ‘was haben wir da für einen Quatsch erzählt’. Aber das ist wichtig, um voran zu kommen.”

Ziele als Fixsterne verstehen

Strategie bedeutet auch immer Ziele festzusetzen. An den Begriff Zielarbeit will Boris Thomas jedoch nicht so richtig heran. “Meine Antwort zu ihrer Bedeutung ist vielleicht nicht befriedigend: Mache deine Zielarbeit und vergiss sie ganz schnell.” Oft würden Ziele mißbraucht. Als Machtinstrument, zur Kontrolle. “Ich glaube, dass Menschen niedergeschrieben Ziele für sich selbst brauchen. Aber diese Ziele sind mehr wie ein Fixstern zu betrachten. Bin ich auf Kurs oder nicht? Und wie komme ich dahin?” Man müsse ein System haben, um sich immer wieder ausrichten zu können. Die Leitlinien – “das kann man sich bei den Golfern abgucken” – nicht zu fest und nicht zu lose setzen. “Wenn mein Ziel zu eng ist, kickt mich das Leben raus. Ich habe eine To-do-Liste – und eine Maschine fällt unerwartet aus. Was tue ich jetzt?” Es gebe Situationen, die dazwischen kommen müssen: “Ich kann nicht zu meiner Tochter, die mit mir über ihre Uniplanung sprechen will, sagen: ‘Geht nicht, steht nicht auf meiner Liste’.”

Die Schwierigkeit „brutal ehrlich zu sich selbst sein“

Dennoch: “Ja, wir haben Ziele bei Lattoflex, aber mehr im Sinne von langfristigen Visionszielen. Wir gucken auf den Fixstern und sagen, was brauchen wir, um dahin zu kommen.” Und man müsse sich dabei auch immer wieder vor Augen führen: “Zieldefinition bedeutet, brutal konkret zu sein, so stark, dass es weh tut”, unterstreicht Boris Thomas. Nur das bringe das Unternehmen voran. Nicht ein “Ich möchte ein erfülltes Leben führen. Denn wann habe ich das erreicht? Keine Ahnung! Oder: Wir wollen nachhaltig produzieren. – Was ist das? Menschen neigen dazu, Ziele schwammig halten, um den Schmerz der Niederlage zu reduzieren”, sagt der Unternehmer.

Die menschliche Seite nicht vergessen – und sich selbst nicht klein machen

Seine Empfehlung, um für sich selbst die menschliche Seite des Unternehmertums zu entdecken lautet: Lesen Sie. Unternehmerbiografien; möglichst die unautorisierten, die mehr zeigen, “als die Hochglanzbilder, die wir Menschen immer suchen”. Hoch stilisierte Unternehmer-Helden, grandiose Führungspersönlichkeiten werden dann zu ganz normalen Menschen. “Man stellt fest, wie viele Fehler sie haben, dass sie erschreckend menschlich sind. Sie sind weit von perfekt. Aber kann von ihrer Führung sehr viel lernen. ” Es nehme den Druck, insbesondere in schwierigen Zeiten: “Daraus lerne ich mehr für mich selbst, was es für mich als Mensch bedeutet, sich dem zu stellen, was man ist – und auch dem Scheitern Raum zu geben.” Denn: “Wenn ich dem Scheitern keinen Raum gebe, kann ich auch nicht innovativ sein.”